'Vermutungen, Ein düsterer Thriller über Geheimnisse und Verschwindenlassen. Hugo versucht nach einer Scheidung in Groendaal sein Leben aufzubauen, als Schülerbetreuer. Anfangs gelingt ihm das, bis eine Bombendrohung die Schule auf den Kopf stellt. Über ein verschwundenes Mädchen wird geschwiegen, und ein Mathelehrer scheint mit schlechtem Verhalten davonzukommen. Hugo vermutet, dass die Schülerin Sofie mehr weiß, doch dann verschwindet sie spurlos. Zwanzig Jahre später enthüllt eine Reise nach Sarajevo die verborgenen Wahrheiten. Nüchtern geschrieben, mit überwiegend viel flämischem Sprachgebrauch.
Herman De Jonghe (Temse, 1941) ist ein belgischer Schriftsteller und Lehrer. Er hat mehrere Bücher geschrieben.'
Rezension NBD Biblion
Ich möchte dir von Herzen danken für die schönen Stunden, die du mir mit „Vermoedens“ geschenkt hast. Vor einigen Tagen habe ich den letzten Teil gelesen, und bei der Auflösung schossen mir die Tränen in die Augen. Großartig geschrieben, du hast mir damit viele Stunden Freude bereitet. Herzlichen Glückwunsch!
(Ein guter Freund)
Herman De Jonghe hat schon mehrfach bewiesen, dass er ein Meister darin ist, außergewöhnliche Spannung aus dem Alltäglichen aufzubauen.
In „Vermoedens“ zeigt er wieder einmal, wie geschickt er realistische Dialoge zwischen gewöhnlichen Menschen gestaltet. In seinem neuesten Buch sind das die Kollegen im Lehrerzimmer einer weiterführenden Schule. Sehr wiedererkennbar für alle, die dort beruflich an einem Tisch sitzen oder saßen, und zugleich eine Augenöffnung für alle, die mit diesem Milieu nicht vertraut sind. De Jonghe zeichnet sie mit Kennerblick und trockenem Humor: „Wir hatten viele Propheten an der Schule“, wenn ein Lehrer wieder einmal sagt: „Hab ich schon vor Ewigkeiten vorausgesagt.“
Nach und nach erfährt der Leser mehr über die Suche der Hauptfigur Hugo Persoons: Ein Mädchen verschwand von der Schule und aus dem Elternhaus. Persoons findet Spuren, wird von einer Vertuschungsaktion überzeugt und verbeißt sich in das, was seiner Meinung nach geschehen ist und wer die Hand im Spiel hatte.
Während des Lesens erfahren wir mehr über Persoons Vergangenheit und Gegenwart, doch zugleich wächst beim aufmerksamen Leser auch eine Ahnung von Abgründen und Schattenseiten in seinem Charakter. Ich schreibe bewusst „wächst eine Ahnung“, weil das Buch dies subtil und intelligent entwickelt.
Eine stimmungsbestimmende Rolle spielen die Orte, an die die Geschichte uns führt: ein verwildertes Wäldchen in der Nähe der Schule, ein Vorort von Sarajevo, eine obskure Straße in Zagreb…
Das Buch habe ich in drei Sitzungen gelesen, die letzte endete mitten in der Nacht, weil ich es unmöglich aus der Hand legen konnte. Und ja, beim Lesen hält man immer wieder den Atem an.
Ich fragte mich allerdings, ob es zum Thrillergenre gehört, dass ein Autor hier und da bei den Handlungserklärungen einen Abkürzungsweg nimmt, um die Spannung zu steigern?
Der chronologische Aufbau des Buches ist so angelegt, dass der Leser nicht an die Hand genommen wird und sich gezwungen sieht, bei der Sache zu bleiben.
Große Weisheiten für das Leben wirst du in „Vermoedens“ nicht finden, wohl aber ein (auf- und ab)spannendes Leseerlebnis und einen Schreibstil, bei dem sich Absätze und Seiten wohlklingend und angenehm weglesen. Auf mehreren Seiten meines Exemplars sind Sätze angestrichen, die ich gern wieder lese.
‚Nichts so Unheimliches wie eine leere Schule, wie die Art von Stille, die dann in den Gängen und Treppenhäusern hängt. Die Echos des täglichen Lärms, das Rufen und Lachen, kommen aus den Wänden und schweben umher, nur sind sie nun zu einem Stöhnen verkümmert. In den Wänden steckt viel Leid.‘
Handlung: ***
Charakterentwicklung: ****
Schreibstil: ****
(Diane De Bruyn)
EIN KRIMINALROMAN, DER DIE WINTERABENDE WENIGER DUNKEL
MACHT
++ „Das Haus ist noch kleiner als meines und schlecht instand gehalten. Fenster ohne Farbe, nur Einfachglas, die Dachrinne klammert sich verzweifelt ans Dach. Er mietet es für einen kleinen Betrag von seinen Großeltern“ ++
Originaltitel: Vermoedens
ISBN: 978 94 626 6724 2
Herausgegeben von: Uitgeverij Schrijverspunt
Seiten: 233
Übersetzung:
Bewertung: ⭐⭐⭐, 1⁄2 ⭐
Der flämische Autor Herman De Jonghe war bis 2002 im Bildungswesen tätig. Dort hat er verschiedene Funktionen ausgeübt und sein Berufsleben als Schuldirektor beendet. Danach dauerte es bis 2008, bis er mit Koppenbergblues debütierte. Danach erschienen von ihm mehrere Bücher, darunter Ondergrond, das für den flämischen Hercule-Poirot-Preis nominiert wurde.
Da sein Leben zu einem großen Teil darauf ausgerichtet war, als Lehrer jungen Menschen mehr Wissen zu vermitteln, ist es nicht sehr verwunderlich, dass auch ein Werk von ihm erscheint, das das Bildungswesen als roten Faden hat. Die Ins und Outs der Bildungswelt kennt er wie kein anderer, ohne damit gesagt haben zu wollen, dass das, was sich in seinem neuesten Buch „Vermoedens“ abspielt, als Maßstab für das Bildungswesen gelten kann.
Wenn es Hugo Persoons im Leben einmal nicht gut geht, verlässt er den Beruf des Elektromonteurs und steigt auf Anraten einer guten Bekannten als Quereinsteiger in das Bildungswesen ein. Der ehemalige Elektriker hat zwar keine pädagogische Ausbildung, kann aber als Studienmeister arbeiten. Das geschieht am Kofi-Annan-Institut in Groendaal bei Turnhout.
Als unerwartet eine Bombendrohung in der Schule eingeht, ist der Alarm natürlich groß, und es wird nach Sprengstoff gesucht. Die anschließende Untersuchung bringt nichts, und kurz danach fällt der Strom in der ganzen Schule aus. Hugo, Elektriker von Beruf, geht der Sache nach, und als oberirdisch nichts falsch ist, steigt er eine Etage nach unten. Dort findet er nicht nur die Ursache der Störung, sondern seine Aufmerksamkeit wird auch von einem Foto eines in Groendaal verschwundenen Mädchens erregt. Es stellt sich heraus, dass es sich um Vicky Kràlikovà handelt, die 1999 spurlos verschwand. Das Verschwinden wurde nie aufgeklärt, und nachdem er viele Informationen gelesen hat, hat Hugo eine Mission...
++ „Ich bestellte einfach etwas und bekam einen Berg Fleisch, Wurst, Hackfleisch, alles durcheinander, genug Fett, um alle Scharniere in meinem Haus zu schmieren, und halb gebackene Pommes. Ich konnte nicht einmal die Hälfte essen, ich war auch zu nervös“ ++
Die Handlung entwickelt sich vollständig aus der Sicht von Hugo Persoons, der in der Ich-Form jeden Schritt festhält, den er macht. So erfährt der Leser schon bald, dass er von Carine geschieden ist und nach kurzer Zeit in Groendaal
wohnhaft, eine Beziehung mit Sara Weyns eingeht. Die Nachforschungen zu der verschwundenen Vicky bringen ihn in Kontakt mit Sofie ’t Kind. Er bewundert die 18-jährige junge Frau insgeheim, doch dann stellt sich heraus, dass auch sie unerwartet spurlos verschwunden ist, fünf Jahre nach der verschwundenen Vicky. Als nach einem Einbruch in seinem Haus die gefundenen Papiere über Vicky verschwunden sind, ist er sich sicher, dass sein eingeschlagener Weg richtig ist, und setzt seine Nachforschungen fort, wird dabei aber vorsichtiger.
Die Geschichte beginnt langsam und bleibt das lange Zeit so. Das hat damit zu tun, dass der Autor die Figuren nicht sofort vorstellt, sondern dies dort tut, wo es für die Handlung wichtig wird.
Um die Geschichte gut aufzunehmen, verlangt De Jonghe jedoch die volle Aufmerksamkeit seiner Leser. Die Chronologie ist nicht klar abgegrenzt, und obwohl die wichtigen Jahreszahlen in der Geschichte genannt werden, liegt es am Leser, sich selbst gedanklich eine Art Zeitleiste zu erstellen. Das wird der eine Leser als dankbare Herausforderung annehmen, während ein anderer Leser es vielleicht als kompliziert empfindet.
Der Autor findet durchaus Raum für einige Handlungen, die große Folgen für seine Figur haben. Doch diese scheint immer wieder genug Energie aufzubringen, um sich mit seiner Beharrlichkeit noch intensiver auf die Nachforschungen zu stürzen.
Zusammengefasst beherbergt Vermoedens eine spannende Geschichte, in der verborgene Geheimnisse aus der Vergangenheit langsam ans Licht kommen. Der Autor hat sich gut eingelesen in die Momente, in denen die Geschichte die belgische Grenze überschreitet, und weiß diese Phasen für den Leser auch interessant zu gestalten und zu halten. Der Schreibstil ist angenehm lesbar, der Leser empfindet jedoch ein gewisses Unbehagen über das Fehlen klarer Zeitleisten, wodurch es ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Durch die gelegentliche Anwendung der flämischen Schreibweise werden bei manchen niederländischen Lesern sicher die Augenbrauen gerunzelt; zum Beispiel beim Wort ‘leraars’, das in Flandern üblich ist, in den Niederlanden aber als ‘leraren’ geschrieben wird. Doch ein Kleinigkeitskrämer, der sich darüber aufregt, ‘Vermoedens’ ist ein Buch, das von einem breiten Publikum gelesen und geschätzt werden kann.
Gesamturteil: 4,0 Sterne
Spannung: 3 Sterne
Handlung: 3 Sterne
Lesevergnügen: 4 Sterne
Schreibstil: 4 Sterne
Originalität: 4 Sterne
Psychologie: 4 Sterne
(Cees van Rhienen, Hebban)