Es hat heute den ganzen Tag geregnet, und um vier Uhr nachmittags war es so dunkel wie in einer Tropfsteinhöhle. November, genau wie Sie sagen.
An einem solchen Tag denke ich an meine letzte Reise nach Norwegen zurück, als wir zwei Tage in Bergen verbrachten. Eine schöne Stadt in einem schönen Land, Fjorde, Berge, eine überwältigende Natur. Und natürlich Regen. In Bergen regnet es so gut wie jeden Tag, im Sommer wie im Winter. Einen trockenen Tag zu erwischen, gleicht einem Lottogewinn. Wir hatten Glück: Nach einem ersten Tag mit heftigen Regenschauern bekamen wir einen zwar bewölkten, meist aber sonnigen zweiten Tag. Wir fuhren mit dem kleinen Zug bis ganz nach oben und genossen ein herrliches Panorama.
Aber was ich eigentlich erzählen wollte, war Folgendes: Wir besuchten auch die alten Holzhäuser der Hanse am Hafen. In Bergen, einer Hansestadt, hatte sich im 15. Jahrhundert eine große Kolonie deutscher Kaufleute niedergelassen, die, wie es bei Einwanderern häufig geschieht, dicht beieinander wohnten und alle ähnliche, stattliche Häuser in unmittelbarer Nähe der Anlegestelle ihrer Schiffe errichteten. Wir konnten so ein Haus besichtigen und stellten fest, dass es geräumig, für die damalige Zeit sicher luxuriös, zugleich aber auch dunkel war. Kleine Fenster waren aus verschiedenen Gründen erwünscht, in einer Zeit, in der von guter Isolierung keine Rede sein konnte.Dunkel also. In Bergen ist es meistens dunkel. Im Sommer, weil die Sonne in Nordeuropa nie wirklich hoch am Himmel steht und ziemlich schnell wieder hinter den Bergen verschwindet. Im Winter, weil es dann gerade so lange hell ist, dass man eine nicht allzu dicke Zeitung lesen kann. Im Winter fällt das allerdings ziemlich leicht, sagen die Norweger, denn dann liegt Schnee, und der Schnee macht alles nicht nur fröhlicher, sondern auch heller. Monatelang leben sie in einer Weihnachtslandschaft, das lässt sich also gut aushalten.
Nur nicht in Bergen: In Bergen schneit es nicht, in Bergen regnet es, und im Winter ist es daher wirklich stockfinster, besonders damals, als man noch nie etwas von Straßenbeleuchtung gehört hatte. Die norwegischen Bewohner waren mit dieser monatelangen Dunkelheit und Nässe aufgewachsen, schüttelten die Tropfen von ihrem Hut und machten weiter; die Deutschen dagegen verkümmerten. Es wirkte sich auf ihr Gemüt aus, es lähmte ihren Eifer, es nahm ihnen die Lebensfreude; die Zahl der Selbstmorde schnellte in die Höhe.
Der Herbst hat gerade erst begonnen, ich kann noch einen dunklen, nassen Tag genießen und die Gemütlichkeit eines warmen Hauses. Sollen sie doch wehen, drinnen schmeckt es doppelt so gut, kennen Sie das? Aber im Februar denke ich schon anders darüber, dann habe ich es satt und sehne mich nach dem Licht und der Wärme der Sonne. Bergen ist eine schöne Stadt, die Natur ist zum Niederknien, und übrigens haben sie herrlichen frischen Fisch. Aber dort wohnen? Nein, danke, Westerlo ist gut so.