Actieknop
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Brüssel

Brüssel

Ich habe lange darüber nachgedacht. Sprechen oder schreiben? Ist nicht alles schon gesagt, von allen Seiten betrachtet, wissenschaftlich, mit Poesie, Politik, Psychologie? Gibt es noch etwas hinzuzufügen?
Aber wenn man wirklich Schriftsteller ist, hat man eigentlich keine Wahl. Man muss.
Zunächst: Brüssel. Ich liebe Brüssel, ich fahre gern dorthin, in die Museen, zum Einkaufen, zum Flanieren, um gut zu essen. Ich nehme unsere ausländischen Gäste immer mit nach Brüssel und zeige ihnen mit einigem Stolz unsere Hauptstadt. Brüssel ist super. Unsere einzige Großstadt. Multikulturell. Multinational. Unser eigenes Paris.
Ich liebe Brüssel, ich liebe Schaerbeek, wo mein Sohn lange wohnte und wo das Leben gut ist. In Molenbeek war ich nie; alles, was ich darüber weiß, stammt aus Zeitungen und dem Fernsehen und ist daher nur vermittelt. In meinem Freundeskreis habe ich keine Muslime. Wenn ich mehr über sie erfahren will, lese ich ihre Bücher. Vor allem die Bücher von Schriftstellern, die hier aufgewachsen sind, in Borgerhout, in Brüssel, in Amsterdam. Ich erkenne in ihnen, losgelöst von Kultur und Religion, mich selbst, dieselben Sehnsüchte, dieselben Ängste. Ich habe den Koran gelesen und erfahren, dass der Unterschied zur Bibel nicht so groß ist. Dieselbe Größe, dieselbe Grausamkeit, göttliche Worte in einer unzulänglichen Menschensprache. Das habe ich getan, bevor ich mit 'Hartnäckiger Nebel' begann.

Lassen Sie mich noch etwas über dieses Buch sagen, in dem zwei junge Marokkaner über die Stränge schlagen.
Ich frage mich, was 'Ali' und Zidan über den 22. März 2016 denken würden. Bei Zidan bin ich mir sicher: Er würde es entsetzlich finden. Was er eigentlich will, ist klar: ein Leben wie alle anderen, eine Partnerin, Kinder, eine Arbeit, auch wenn er sich anders gibt. Er trifft eine falsche Entscheidung, wenn er seine Kultur (die Ehrenschuld) wichtiger findet als sein Gewissen. Der Lehrer erinnert ihn daran, wer er eigentlich ist: ein anständiger Mensch.

Bei 'Ali' zweifle ich. Er ist ein verletzter Mensch, er hat sich selbst verloren. Er leidet unter Demütigung und Verleugnung und hofft auf Erlösung. Die Erlöser stehen bereit: eine Gruppe von Fanatikern. Wie weit diese Gruppe gehen würde, weiß ich nicht. Nicht jeder Extremist wird gewalttätig. Aber ein Junge wie 'Ali' würde wenig Widerstand leisten, wenn er mitgerissen würde. Früher hätte er sich als Belgier vielleicht der kommunistischen Terrorgruppe CCC angeschlossen; im Baskenland der nationalistischen ETA; in Deutschland der linken 'Roten Armee'; in Italien der rechten P2, die den Bahnhof in Bologna in die Luft sprengte; heute könnte es die religiöse IS sein. Von kleinen zu großen Verbrechen, und von großen Verbrechen schließlich zum Terrorismus. 'Ali' landet im Gefängnis wegen des Vorwurfs des Mordes, zu Unrecht. Wie wird er da wieder herauskommen?

Die Diskussion ist interessant und zugleich vergeblich: Wird man als Terrorist geboren, oder wird man es durch seine (mangelnde) Erziehung? Ich neige dazu, Letzteres zu glauben. In jedem von uns stecken Gut und Böse, Großmut ebenso wie Neid. Welche Pflanze nähren wir, welche wird gejätet? Wann ist der Garten endgültig vom Bösen überwuchert?